„Bin ich schon mittendrin im Hormonkarussell?“ Viele Frauen stellen sich diese Frage – und die ehrliche Antwort lautet: Ja, oft viel früher, als du denkst. Plötzlich sind Schlafstörungen, Gewichtszunahme, PMS oder sogar ein Tinnitus keine „Einbildung“ mehr, sondern handfeste Folgen der hormonellen Achterbahnfahrt. Doch das Problem ist: Noch immer wird das Thema von Ärzt:innen oft kleingeredet oder als „normale Begleiterscheinung“ abgetan.
Gynäkologin und Hormonexpertin Dr. med. Judith Bildau räumt mit diesen Mythen auf. Sie sagt klar: Die Hormonersatztherapie (HRT) ist nicht der Feind – sondern kann, rechtzeitig eingesetzt, sogar ein Gamechanger für ein gesundes und glückliches Älterwerden sein.
Warum wir dringend umdenken müssen, welche Symptome du niemals ignorieren solltest und wie Ernährung und Mikronährstoffe dein Hormonchaos lindern können – das liest du hier.
dieAlte: Wir sind ja sehr unterschiedlich und bei jeder Frau ist es anders, aber gibt es untrügliche Anzeichen dafür, dass die Wechseljahre, das Hormonkarussell, beginnen?
Dr. med. Judith Bildau: Das Hormonkarussell beginnt ja schon viel früher, als wir es meist auf dem Schirm haben! Bereits mit Mitte 30 beginnen die ersten hormonellen Veränderungen, die uns ganz schön belasten können. Symptome wie eine starke Menstruationsblutung, PMS, Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Nahrungsmittelintoleranzen und Schilddrüsenprobleme können die Lebensqualität gehörig einschränken. All das liegt an dem langsam sinkenden Progesteronspiegel. Etwa Mitte 40 zieht dann das Östrogen nach – das ist dann der „offizielle“ Beginn der Wechseljahre, der Perimenopause. Jetzt können Hitzewallungen, Knochen- und Gelenkschmerzen, brain fog und viele weitere Symptome hinzukommen.
Wie genau bestimmst du, in welcher Hormon- bzw. Wechseljahrsphase deine Patientinnen sind? Ist immer der Bluttest entscheidend oder geht man auch nach Symptomen?
Das Wichtigste ist, den Frauen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Eine Hormonanaylse kann durchaus sinnvoll sein. Allerdings muss sie im Gesamtkontext betrachtet werden. In der Perimenopause schwanken die Hormonspiegel stark. Letztendlich sind die Symptome ausschlaggebend.
Wann sollte man einen Hormonspiegel-Test machen lassen?
Ich empfehle allen Frauen, die Beschwerden haben, ein Zyklustagebuch zu führen. Dieses kann dann ganz hervorragend mit der Hormonanalyse ergänzt werden. Bei Frauen mit regelmäßigem Zyklus empfehle ich eine Blutentnahme zu zwei Zeitpunkten im Zyklus. Die erste zwischen dem 3. und 7.Zyklustag (FSH, Estradiol, Testosteron) und die zweite zwischen dem 20. und 25.Zyklustag (Progesteron). Wenn der Zyklus völlig unregelmäßig ist, dann ist der Zeitpunkt egal. Ich halte eine Kontrolle der Hormonwerte durchaus für sinnvoll. Ich hatte schon einige Frauen, die knapp über 40 waren, gravierende Beschwerden hatten und sich letztendlich herausgestellt hat, dass sie bereits mitten in der Perimenopause steckten. Obwohl ihnen immer gesagt wurde, dass sie dafür eigentlich zu jung seien.
„Etwa Mitte 40 zieht dann das Östrogen nach – das ist dann der „offizielle“ Beginn der Wechseljahre, der Perimenopause. Jetzt können Hitzewallungen, Knochen- und Gelenkschmerzen, brain fog und viele weitere Symptome hinzukommen.“
Welche Rolle spielen die Hormone bei Beschwerden wie PMS, Schlafstörungen, juckende Haut usw.?
Wir wissen, dass das prämenstruelle Syndrom (PMS) vor allem bei Frauen in den 30ern beginnt; also genau dann, wenn die ersten hormonellen Veränderungen eintreten. Auch Schlafstörungen, ganz häufig in der 2.Zyklushälfte, können nun durch das hormonelle Ungleichgewicht entstehen. Ebenso wie eine Histaminintoleranz. Wir müssen also bei Frauen grundsätzlich und besonders ab einem bestimmten Alter immer an die Hormone denken!
Was ist ein Symptom, das dich persönlich als Ärztin am meisten überrascht hat?
Selbst mir als Gynäkologin war lange Zeit nicht klar, dass unsere Hormone sogar unser Ohr beeinflussen. Ein Tinnitus war mir lange Zeit als Wechseljahressymptom unbekannt. Dabei leiden so viele Frauen darunter!
Die Hormonersatztherapie (HET; englisch hormone replacement therapy, HRT) kann viele Symptome lindern, steht aber im Verdacht, krebserregend zu sein – zu Recht?
Nein, das ist ein ganz alter Mythos, der sich leider ziemlich hartnäckig hält! Der Grund dafür ist die WHI-Studie aus dem Jahre 2002, in der nicht nur gezeigt wurde, dass unter einer HRT das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, sondern auch das für Brustkrebs zunimmt. Erst Jahre später wurden die Ergebnisse in das richtige Verhältnis gerückt. Das Kollektiv der Frauen, die in die Studie eingeschlossen wurden, war völlig falsch gewählt. Zudem wurden damals auch noch ganz andere Hormone verwendet. Der Stand der Dinge heute ist folgender: Eine Östrogenmonotherapie wirkt sogar schützend auf die Brust. Eine Kombinationstherapie aus Östrogen und Progesteron erhöht das Risiko minimal; allerdings weniger stark als ein Mangel an körperlicher Bewegung, Übergewicht und regelmäßigem Alkoholkonsum. Eine rechtzeitig begonnene HRT wirkt schützend auf das Herz-Kreislauf-System, die Knochen und das Gehirn.
So kann ich also gesund alt werden?
Ja, tatsächlich ist es so, dass der Ersatz der Hormone, rechtzeitig begonnen, ein wichtiger Baustein des gesunden Älterwerdens sein kann. Die HRT schützt vor Osteoporose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz.
Wir trafen uns zum ersten Mal auf einer Veranstaltung im November 2023 in München.
Dr. med. Judith Bildau und Daniela Unterstab von dieAlte
„Ja, tatsächlich ist es so, dass der Ersatz der Hormone, rechtzeitig begonnen, ein wichtiger Baustein des gesunden Älterwerdens sein kann. Die HRT schützt vor Osteoporose, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz.“
Gibt es einen optimalen Zeitpunkt für den Beginn der Einnahme, oder kann ich jederzeit damit beginnen?
Es gibt mittlerweile eine ganz klare Regel: Je früher, desto besser! Denn dann haben wir auch den größten präventiven Nutzen einer HRT. Später als 10 Jahre nach der letzten Menstruation, also der Menopause, sollte man keine HRT mehr beginnen. Wir nennen diese Zeitspanne auch das „goldene Fenster“. Wenn sich dieses Fenster schließt, also bei Frauen ohne zusätzliche Risikofaktoren nach etwa 10 Jahren, dann liegen auf Grund des Hormonmangels bereits so viele Veränderungen vor, dass nun die Gabe von Hormonen unerwünschte Komplikationen, wie zum Beispiel Schlaganfälle, hervorrufen kann. Bei Frauen mit bekannten Risikofaktoren, wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Übergewicht, schließt sich das Fenster bereits einige Jahre vorher.
Gibt es Möglichkeiten, Wechseljahresbeschwerden ohne Hormonersatztherapie zu lindern? Wenn ja, wie?
Ja, die Beschwerden können auch ohne Hormone gelindert werden. Für einige Phytopharmaka wie die Traubensilberkerze (Cimifuga) liegen gute Daten vor. Sie wirkt zum Beispiel gut gegen leichte bis mittlere Hitzewallungen und auch gegen depressive Verstimmungen.
In deinem Buch ‚Raus aus dem Hormonkarussell‘ beschreibst du, wie sich Frauen dem Thema Hormonchaos nähern können und was sie darüber wissen sollten. Aber was empfiehlst du Frauen, die trotz umfangreichen Wissens weiterhin Beschwerden haben?
Es ist ganz wichtig, dass Frauen ins Handeln kommen. In meinem Buch erfahren die Frauen ja nicht nur wichtige Hintergrundinformationen, sondern bekommen auch ganz gezielte Empfehlungen an die Hand, welche Mikronährstoffe und/oder Phytopharmaka in welcher Dosierung jetzt helfen können. Ich empfehle auch. welche Hormone nun sinnvoll sind. Trotz allem denke ich, dass Frauen nicht nur auf sich alleine gestellt sein sollten, sondern auch medizinisch fundierte Unterstützung an ihrer Seite benötigen.
Wie beeinflussen Lebensstil und Ernährung unsere Hormone? Welche spezifischen Ratschläge hast du für Frauen in den Wechseljahren?
Körperliche Bewegung und regelmäßige Entspannung sowie die gezielte Mikronährstoffzufuhr sind ganz wichtige Bausteine für Frauen in den Wechseljahren. Bei der Ernährung gilt: Weniger energiereich, dafür umso gesünder und proteinreicher. Ein weiteres, ganz wichtiges Element ist außerdem der Muskelaufbau im Sinne von Krafttraining. Ich empfehle allen Frauen, die im Wechsel sind, auf jeden Fall diese Mikronährstoffe zu supplementieren: Vitamin D, Calcium, Vitamin K2, Magnesium, B-Vitamine und Omega-3-Fettsäuren.
Worauf können wir noch achten, was tut uns jetzt gut?
Ich denke, Frauen in der Lebensmitte brauchen vor allem die gegenseitige Unterstützung untereinander. Das offene Gespräch, ein offener Austausch – zusammen sind wir stark und können viel bewegen.
Welche Entwicklungen und Verbesserungen wünschst du dir für die Zukunft im Bereich Frauengesundheit und den Umgang mit den Wechseljahren?
Ich wünsche mir, dass Frauen allgemein und medizinisch die Unterstützung bekommen, die sie benötigen. Ich wünsche mir, dass sie ernst genommen werden und sich die Hilfe nicht mühsam suchen und erkämpfen müssen. Hier muss ganz dringend etwas getan werden!
„Ich denke, Frauen in der Lebensmitte brauchen vor allem die gegenseitige Unterstützung untereinander. Das offene Gespräch, ein offener Austausch – zusammen sind wir stark und können viel bewegen. „
Die besten Hormon-Hacks für Frauen ab 35: Soforthilfe bei PMS, Regelschmerzen, psychischen Tiefs, Schlafstörungen und Gewichtszunahme von Gynäkologin und Hormonexpertin Dr. med. Judith Bildau
Alles, was frau über ihre Hormone wissen muss
Judith Bildau klärt Frauen jeden Alters über die hormonellen Vorgänge in ihrem Körper auf. Ihr Buch beantwortet die wichtigsten Fragen, die der Ärztin über Jahre von ihren Patientinnen gestellt wurden. So können Sie die Ursache vermeintlich unerklärlicher Beschwerden selbst erkennen.
Body in Balance: Hormone verstehen und unerklärliche Beschwerden loswerden (Droemer Knauer 22 Euro)
Das neue Buch von Dr. med. Judith Bildau „Body in Balance“ erscheint am 1. Oktober 2025
Weitere Infos zu Gynäkologin und Hormonexpertin Dr. med. Judith Bildau findest du hier: www.dr-med-judith-bildau.com oder auf Instagram @dr.med.judith_bildau
Fotos: Sabina Radtke


