Ich wusste plötzlich, dass es so nicht weitergehen kann

Okt 24, 2021 | Frauen

Martina hat nicht nur beruflich nochmal einen ganz neuen Weg eingeschlagen. Sie hat durch die Wechseljahre auch eine große Veränderung an sich selbst festgestellt. Doch sie ist von Anfang an offen damit umgegangen. Ihrem Mann gegenüber, aber auch Freunden und der Familie. Das war wichtig und richtig für sie.

dieAlte: Du hast mit 50 nochmal dein Leben umgekrempelt und dir einen Food-Truck gekauft. Wie kam es dazu?
Martina: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine berufliche Erfüllung als Assistentin der Geschäftsführung, Vertriebsleitung und Vorstand, – es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, diesen Job auszuüben. Aber durch immer wieder aufkommende Veränderungen in der Berufswelt, denen ich ausgeliefert war und die auch mit Enttäuschungen verbunden waren, habe ich den Entschluss gefasst: „So kann es nicht weitergehen“ und habe mir zum Dezember 2016 kündigen lassen.

War das eine überstürzte Entscheidung?

Ich war in diesem Jahr im April 50 geworden. Ich war zu dem Zeitpunkt an einem Uniklinikum angestellt und hatte einen narzisstischen Chef, den ich mir nicht ausgesucht hatte. Nachdem ich das Verhalten meines Chefs mir gegenüber bemerkte, bemerkte ich auch meine gesundheitliche Veränderung. Somit wurde mir im Oktober 2016 klar, dass es beruflich so nicht weitergehen kann.

Mir fiel ein Ereignis zwei Jahre zuvor ein. Mein Mann Klaus und ich waren über Silvester auf Sylt und haben auf der Promenade bei einer Festivität einen Stand gesehen, der sich „Raclette & Wein“ nannte. Zu dem Zeitpunkt haben wir gescherzt und meinten: „Das könnten wir doch auch selber machen!“

Genau dieser Gedanke kam mir Ende 2016 wieder in den Sinn und ich habe angefangen zu recherchieren. Erst noch recht zögerlich, dann aber mit vollem Elan und Willen, einen Food-Truck zu betreiben. Somit begann das neue Jahr 2017 mit der Organisation meines eigenen Geschäftes, ich fand ruck zuck einen Food-Truck, so dass ich mich Anfang Februar 2017 mit meinem zu dem Zeitpunkt einzigen Food-Truck in Deutschland selbstständig gemacht habe, der „Raclette“ verkauft und gab ihm den Namen „Raclette Küche“. Mit einer kleinen Runderneuerung des Food-Trucks war durch mein selbst entworfenes Design inkl. meiner selbst erstellten Internetseite und eigens entworfenen Rezepten in wenigen Wochen ein rundes Konzept entstanden, das mein ICH komplett wieder gespiegelt hat.

Martina Racletteküche
Martina und Klaus

Immer neue und leckere Rezepte mit viel Käse. (oben)

Martina mit Mann Klaus, der eine große Stütze bei der Racletteküche war. (unten)

Racletteküche

Martinas Food-Truck die Raclette Küche.

Zu dem Zeitpunkt haben wir gescherzt und meinten: „Das könnten wir doch auch selber machen!“

Kannst du dir vorstellen, dass dieser totale Bruch mit deinen Wechseljahren zu tun hatte? Oft ändern Frauen da nochmal einiges in ihrem Leben…
Ja, das stimmt. Im April 2016 bin ich 50 geworden und habe nach kurzer Zeit einen Leistungsabfall bemerkt. Ich konnte beim Tennisspielen nicht mehr so rennen und bemerkte plötzlich Hitzewallungen sowie Stimmungsschwankungen. Da wusste ich, dass in meinem Körper etwas passiert.

Konnte dir deine Frauenärztin helfen?
Ich gehe regelmäßig zur Krebsvorsorge und habe in diesem besagten Jahr meine Ärztin auf meine Beschwerden angesprochen. Sie wollte wissen, ob ich meine Periode noch bekomme. Als ich verneinte und ihr von meinen schrecklichen Stimmungsschwankungen und Hitzewellen erzählte, sagte sie nur: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind dahin gekommen, wo wir Frauen irgendwann alle ankommen“. Den idealen Tipp, was ich gegen meine Beschwerden unternehmen kann, hat mir allerdings eine Freundin gegeben, die zehn Jahre älter ist als ich. Auch sie hatte diesen Leistungsabfall an sich bemerkt und hat sich von ihrer Frauenärztin Hormone verschreiben lassen. Mir war schnell klar: „Das will ich auch!”. Aber, ich habe bald gemerkt, dass die Hormone mir psychisch nicht bekommen. Somit habe ich auf mein Bauchgefühl gehört, das mir sagte: „Martina, lass die Finger davon.“
Ich bin auf ein hormonfreies Naturmedikament, „femiloges“ umgestiegen, womit ich gut zurechtkomme.

Hattest du in der Familie Unterstützung?
Mein Mann Klaus, mit dem ich seit 1994 verheiratet bin, hat mich in jeglicher Hinsicht unterstützt. Sonst wären wir wohl heute nicht mehr zusammen. Die letzten fünf Jahre waren wirklich schwierig für mich, aber auch für mein Umfeld und besonders für meinem Mann und damit unserer Beziehung. Ich habe diese Veränderung an mir selbst gespürt, war plötzlich jemand ganz anderes und fühlte mich als Marionette meiner selbst.

Da ich ein Mensch für klare Verhältnisse bin, bin ich offen mit dieser Thematik umgegangen. Meinem Mann gegenüber, aber auch Freunden und in der Familie. So habe ich erfahren, dass vielen anderen Frauen in meinem Umfeld die Wechseljahre auf ähnliche Weise zu schaffen machen, außer einer Freundin, die sechs Jahre älter ist und rein gar keine Veränderungen gespürt hat – die Glückliche.

Die Arbeit in deinem Food-Truck aber hat bei dir zusätzlich Spuren hinterlassen. Magst du davon erzählen?
Es war eine wunderbare Zeit, für die ich sehr dankbar bin, dass ich sie erleben durfte. Aber, sie war auch körperlich und mental sehr anstrengend und hat mir viel Energie abverlangt. Alleine war dies nicht zu schaffen, somit bin ich bis heute meinem Mann Klaus und meiner Tennis-Freundin auch sehr dankbar, dass sie mich so toll unterstützt haben.

Ich war sehr stolz auf das, was ich geschaffen habe und das gesamte Geschäft sowie die Organisation im Griff hatte. Zudem bekam ich sehr viel Zuspruch von meinen Gästen, die mit ihrem Lob in Bezug auf mein Essen und der Optik meines Food-Trucks nicht hinter dem Berg hielten. Aber, die Konkurrenz in dem Geschäft ist groß und die meisten Gäste – egal auf welchen Veranstaltungen – favorisieren nach wie vor Pommes Currywurst oder Burger.

Von Beginn an habe ich mir 2-3 Jahre Zeit eingeräumt, um irgendwann für mich eine endgültige Entscheidung zu treffen, ob ich das Geschäft weiterführe oder nicht. Es ist nicht einfach davon zu leben, wenn man nicht voll durch powert und das entsprechende Personal hat. Ich merkte, wie erschöpft ich nach Veranstaltungen war und habe Ende 2018 für mich entschieden, mich von dem Wagen zu trennen. Mitte 2019 habe ich eine Käuferin gefunden, die von dem gesamten Konzept begeistert und überzeugt war und kaufte mir das komplette Geschäft ab. Als sie den Foodtruck dann endgültig abgeholt hat, kamen mir die Tränen, aber dann war auch gut, denn ich weiß, dass die „Raclette Küche“ in der Nähe von Nürnberg eine neue Heimat gefunden hat.

„Jeder Tag meines Lebens hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin!“

Lotta

Lotta, das neue Familienmitglied.

Unterdessen hast du dein Leben erneut komplett geändert.
Ja, ich habe im Anschluss an den Foodtruck den Fokus in meinem Leben nochmal anders ausgerichtet. Ich arbeite wieder in einer ähnlichen Funktion wir früher, jedoch stundenreduziert, – der Job als solches ist mir nicht mehr so wichtig. Wir haben Ende 2019 einen Hund bekommen, was auch noch einmal eine grundlegende Änderung in unserem Leben war, da wir keine Kinder haben. Ich verbringe viel Zeit mit „Lotta“ – sie gibt mir so viel Positives – und richte meinen Lebensmittelpunkt auf mein Privatleben, wie unseren Hund, Freunde und unser Zuhause aus. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir einmal nicht mehr wichtig ist, einen Job zu haben, der mich komplett aus- und erfüllt, sondern dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind. Meine Lebenserfahrungen privater und auch beruflicher Natur haben mir diese Erkenntnis gezeigt, die allerdings Zeit brauchte, bis ich sie selbst realisiert und akzeptiert habe. Somit erinnere ich mich immer mal wieder an meinen eigens erstellten Leitspruch, der mir irgendwann mal in den Sinn kam: „Jeder Tag meines Lebens hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin!“

Mit Lotta und Klaus im Urlaub.

Fotos: privat

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2 Comments

  1. Christiane Buick

    Ein ganz tolles Interview. Schön das es kein Tabuthema mehr ist wenn man (Frau) sich verändert.
    Ich glaube dieser Blog wird vielen Frauen helfen und gut tun.

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    • Dani

      Danke Christiane, das glauben wir auch.

      Reply

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