Von der Kunst, noch mal neu anzufangen: „Irgendwie leuchtet gerade alles“

Mai 8, 2022 | Frauen

Mit 55 Jahren krempelte Sabine Puschmann ihr Leben noch einmal auf links. Die freischaffende Künstlerin kaufte ein Haus am See, zog nach Mecklenburg-Vorpommern und eröffnete eine Kunstakademie. Eine Umbruch-Phase mit Härten, durchaus. Aber Sabine meisterte sie, ebenso wie die Menopause. Denn die Kunst und ihre neue Heimat gaben und geben ihr Kraft …

„Ich bin an dem Ort, an dem ich sein möchte.“ Sabine Puschmann hebt den Blick, richtet ihn hinaus auf das Wasser. „Wenn ich morgen sterben würde, dann wäre das nicht so schlimm.“ Das sagt sie so einfach. So leichthin, so nebenbei. Das schafft nur eine, die angekommen ist. Nicht nur in ihrem Gutshaus, irgendwo in einem 35-Seelen-Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch im Leben. Gar nicht leicht ist so etwas, erst recht für eine Künstlerin. Wie hat sie das gemacht? Das wird Sabine, die „Lebenskünstlerin“, manchmal von den Teilnehmerinnen gefragt, die ihre Malkurse besuchen. „Viele Frauen, die hierher in die Kunstakademie kommen, leben in einer Umbruch-Situation“, erzählt sie. „Sie sagen: ‚Wie schön Du es hast. Ich will das auch. Wie geht das?’“
Um darauf zu antworten, muss Sabine zurück auf Start, zurück zum Sommerurlaub 2015: Gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten Michael, reiste sie durch Mecklenburg-Vorpommern. Glückliche Umstände – und die Suche nach einem guten Stück Kuchen – führten sie nach Woserin, mit einem Mal standen sie vorm Gutshaus. „Hier schien die Zeit stillzustehen, es war, als hätte jemand einen großen Schalter umgelegt.“ Der offensichtliche Leerstand des Gebäudes, die verträumte Lage am Seeufer faszinierte (….)

„Hier ist es wie in Kindertagen, alles so unbeschwert.“ Das ist einer dieser Sätze, die im Gutshaus Woserin häufiger fallen. Oder auch: „Der See erzählt ganz viel, man kann stundenlang mit ihm ins Gespräch kommen.“ Das Wasser, die Weite, das Licht – das alles wirkt. Wie gut, dass es dazu Leinwand und Farbe gibt.

Auch wenn es noch zwei Jahre dauern sollte, bis der Besitzer zum Kauf einwilligte, sie hatte sich schon an ihrem neuen Leben festgebissen. Und war bereit, ihr altes aufzugeben: In Bremen besaß sie ein „Familienhaus“, gut 20 Jahre hatte sie in ihm gelebt, hatte drei Kinder groß gezogen. „Aber diese Zeit war vorbei“, sagt die zweifache Großmutter, „ich liebe meine Familie, aber ein Leben allein als Oma sehe ich für mich nicht.“ Vielmehr sollten in der neuen Heimat das Unterrichten, die Malerei, das gemeinsame Tun mit anderen Künstlern in ihr Lebenszentrum wandern.

dieAlte: Sie haben mit 55 einen Neuanfang gewagt – haben die Wechseljahre in dieser Entscheidung auch eine Rolle gespielt?
Sabine Puschmann: Ich bin sehr spät in die Wechseljahre gekommen, da war ich bereits 57. 
Meine Entscheidung eine Freie Kunstakademie zu gründen, hat eher etwas mit einer Möglichkeit sich einen Traum zu erfüllen, zu tun.  Mutig und Entscheidungsfreudig war ich schon immer. Diese beiden Eigenschaften beinhaltet übrigens der künstlerische Prozess, der Neues schafft, indem man ziemlich oft Altes zerstört oder auch einfach Altes neu ordnet. Zerstörung klingt etwas aggressiv, ist aber gar nicht als solcher Akt gemeint.
Insofern hat mir meine Kunst und Kunst im Allgemeinen schon immer geholfen. Sie ist auch Ausdruck meiner Befindlichkeit.

Geboren und aufgewachsen in Halle, hatte die gelernte Buchbinderin erst in Leipzig Kunst studiert, dann in Bremen. Neben ihrer erfolgreichen Arbeit als freischaffende Künstlerin lehrte sie an einer niedersächsischen Hochschule und unterrichtete als Kunstpädagogin an Gymnasien. Erste Seminare, die sie von Zeit zu Zeit an einer privaten Akademie in Bayern gab, hatten ihr so viel Freude bereitet, dass sie davon nun mehr wollte. Viel mehr.
Trotzdem, trotz all der Aufbruchsstimmung: Als Sabine ihr denkmalgeschütztes Gutshaus 2017 kaufte und mit eigenen Händen zu renovieren begann, da war sie 55 Jahre und damit in einem Alter, in dem andere langsam an Ruhestand denken. Ihr eigener Vater zeigte ihr einen Vogel, der jüngste Sohn rebellierte.

dieAlte: Wie sind Sie mit der Kritik Ihrer Familie umgegangen?
Sabine Puschmann: Mein Vater hat sich inzwischen sein Leben genommen, leider konnte er nicht mehr sehen, was ich aufgebaut habe. Das finde ich sehr schade. Er hat niemals an meine Lebenspläne geglaubt. Das macht traurig. Manchmal spreche ich mit ihm unter dem weiten Himmelszelt über Woserin. Dann weiß ich, dass er wohlwollend auf mich schaut.
Meine Kinder haben sehr unterschiedlich reagiert, schließlich war das ein großes und für Außenstehende nicht ganz zu überschauendes Projekt.
Heute können sie mich verstehen und ich kann verstehen, dass sie Angst um mich hatten, denn meine Vorstellungskraft war eine größere und andere als die ihre. Es ist eine Freude, einen Platz geschaffen zu haben, an dem man gern zusammenkommt.

Wie karg und arbeitsreich der Weg zu diesem Platz allerdings zunächst war, davon erzählen Fotos in der Akademieküche: Eines zeigt eine weiße Plastikwanne unter einem Wasserhahn, die erste Waschgelegenheit, ein anderes ein einsames Bett vor einer rohen Ziegelwand. „Aber wenn ich abends auf meiner Terrasse stand“, so sagt sie, „dann war ich im Paradies.“
Gemeinsam mit Michael (…) arbeitete sie sich voran.
Raum für Raum. Erst machten sie sich an die Akademie, dann an die fünf Gästezimmer und die Ferienwohnung im Souterrain, nebenbei an die eigenen vier Wände. „Wenn es so sein soll, dann reicht auch die Kraft“, meint Sabine schlicht. „Ich habe nur selten Existenzängste, es genügt mir, wenn ich das Ruder steuern kann.“
Um ihren Neuanfang zu finanzieren, verkaufte sie ihr Bremer Haus, nahm einen Kredit auf, beantragte EU-Fördergelder, investierte ein Erbe. Zudem unterrichtete sie in den ersten Jahren weiter als Kunstlehrerin. Mit ihrem Feuereifer begeisterte sie andere Künstler, die als Dozenten an ihre Akademie kamen.
Ostern 2018 fand der erste Kurs statt, und Sabine spürte, „dass mein Konzept aufgehen würde“. Der „Geheimtipp“ sprach sich herum, die rund 30 Workshops, die die Akademie pro Jahr anbietet, füllten sich. Was für ein Glück.

 „Viele Frauen, die hierher in die Kunstakademie kommen, leben in einer Umbruch-Situation“

dieAlte: Mit Ihrer Kunst öffnen Sie Ihre Seele auch für andere – für viele Frauen ein schwerer Schritt, oft sprechen Sie nicht über vermeintliche Tabuthemen, wie die Wechseljahre – kann Kunst da Brücken bauen?
Sabine Puschmann: Ja, ich öffne mit meiner Kunst viel in den BetrachterInnen, wenn sie es denn wollen.
Es sind stille Gespräche, Spiegel, Übereinstimmungen oder Unterschiedlichkeiten in den Gedanken beim Lesen meiner Bilder. Das ist gut so.
Und wer ein Bild von mir besitzt, der geht in diese Auseinandersetzung.
Beim Betrachten ist man auf sich selbst zurück geworfen. Damit geht es einem manchmal so und manchmal so. Und das ist gut so.
Es ist aber auch meine Art zu lehren die mich selber immer wieder bereichert –deshalb habe ich meine eigene Freie Kunstakademie gegründet – Mut zu machen, seinen eigenen ganz individuellen Weg zu gehen. Den begleite ich in meinen Workshops.
Es macht mir ungeheuerliche Freude zu sehen, wenn jemand strahlend und glücklich sich selbst in seiner eigenen Arbeit begegnet und daraus wiederum schöpfen kann. Wunderbar!

Nichtsdestotrotz musste Sabine selbst erfahren, dass ihre Kraft nicht unendlich ist. Die viele Arbeit, die ständigen, körperlich herausfordernden Bautätigkeiten rissen nicht ab. In dem 1.000 qm großen Gebäude gab es unendlich viel zu tun. Und dann kam auch noch Corona, das Schließen der Akademie, der Stillstand, der auch Sabine das Ruder aus den Händen riss. Eines Tages wurde alles zu viel, die Beziehung zu Michael zerbrach, beide waren über die Maßen erschöpft.
Der Winter, der nun kam, wurde kalt und still. Mutterseelenallein saß Sabine in ihrem riesigen Haus am See. Ohne Kursteilnehmer, ohne Künstler, 300 Kilometer entfernt von ihrer Familie in Bremen. Harte Monate.
„Gib mir etwas zu tun“, sagte die Lebenskünstlerin – denn das, dieses eine war sie ja immer noch – schließlich zu Annette Jellinghaus, einer befreundeten Malerin im rheinischen Gevelsberg. „Gib mir etwas zu tun, sonst drehe ich durch.“ Aus der Lockdown-Not heraus entstanden die „Parallelgespräche“, ein völlig neues, heute auch für Gäste geöffnetes Kunstprojekt. Im Kern geht es darum, gemeinsam Kunst zu schaffen, aber verteilt auf heimische Ateliers. Orientierung bieten vorgegebene Arbeitsschritte, die jeder „Gesprächsteilnehmer“ seinem Verständnis nach, seinem Stil entsprechend, interpretiert, umsetzt und für die Mitstreiter dokumentiert. Das „Hineinschauen in die Köpfe der anderen“ erlebt Sabine als spannend und inspirierend, denn „als Künstlerin wurschtelt man ja viel vor sich hin“. Die Parallelgespräche brechen dies auf. Ist eines nach sechs Arbeitsphasen, die jeweils über zwei Wochen laufen, abgeschlossen, zeigen sich die Werke unter www.parallelart.de. (…)
Nach getaner Arbeit – mit dem Frühling 2021 kehrte das Leben ins Gutshaus Woserin zurück – genießt Sabine den Ausblick auf den See, der auch zum Baden einlädt. Die Künstlerin ist glücklich: „Irgendwie leuchtet gerade alles.“

dieAlte: Was raten Sie Frauen, die sich in einer Umbruchphase befinden – wie in den Wechseljahren? Welche Fehler können Sie vermeiden, welche Wege können Sie empfehlen? 
Sabine Puschmann: Ratschläge kann und will ich nicht geben. Weibliche Energie und Gespräche sind wichtig. Selbstbewusstsein. Eigenes tun. Im eigenen Tun sich finden. Was immer das auch ist. Da gibt es keine Fehler, die kann man selber nur machen und dazu stehen. Das ist Leben.

Mit 100 qm bietet das Atelier der Kunstakademie genug Platz für „Leinwandexperimente im Großformat“. So heißt einer der Kurse, die Sabine selbst leitet.

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Fotos: Ulrike Schacht

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