Trennung, Zweifel, Neubeginn: Wie Kerstin wieder Vertrauen und Liebe fand

Juli 20, 2025

Wenn alles auseinanderfällt, entsteht oft Raum für etwas Neues – auch für die Liebe.

Zeiten des Umbruchs – körperlich, emotional, partnerschaftlich: Für viele Frauen bringen die Wechseljahre alles ins Wanken, was lange selbstverständlich war. Alte Beziehungen enden, neue Fragen tauchen auf. Wer bin ich – jenseits von Rollen, Erwartungen und Pflichten? Was brauche ich wirklich? Und kann man sich überhaupt nochmal verlieben – mit grauen Haaren, Narben auf der Seele und einem veränderten Körpergefühl?
Kerstins (53) Geschichte gibt eine berührende Antwort auf all diese Fragen. Sie ist keine klassische Liebesgeschichte – sondern eine Reise durch zwei Trennungen, tiefe Krisen und den Mut, sich selbst neu zu begegnen.

Sie erzählt offen, ehrlich und zutiefst bewegend, was möglich wird, wenn Frauen aufhören, sich zu verbiegen – und anfangen, sich selbst wichtig zu nehmen. Wie Liebe wachsen kann, wenn wir nicht mehr suchen, sondern beginnen, uns selbst wieder zu spüren. Und warum gerade die Wechseljahre der Schlüssel sein können. Zu echter Nähe, zu innerer Klarheit und zu einem Menschen, der einen sieht, wie man ist.
Nicht perfekt. Aber echt.

dieAlte: Kann man sich in den Wechseljahren neu verlieben? Oft hört man, dass Beziehungen nach 15 bis 20 Jahren immer wieder in die Brüche gehen. Was glaubst du, warum ist das so?

Kerstin Mittendorf: Man kann sich immer wieder neu verlieben – auch in den Wechseljahren. Ich bin der beste Beweis: Gleich zweimal hat es bei mir gefunkt – einmal am Anfang und einmal gegen Ende.

Viele langjährige Beziehungen zerbrechen in dieser Zeit, weil Frauen beginnen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen (so war es bei mir). Und weil auch der Partner oft nicht weiß, wie er mit all den Veränderungen umgehen soll.

Doch manchmal ist genau das der Start in ein neues Kapitel.

 

Wie war es bei dir? Ich folge dir ja auf Instagram und wir sind Kolleginnen in der Wechseljahres-Bubble und da habe ich gesehen, dass du letztes Jahr eine Trennung hinter dir hast.

Mein Ex-Mann und ich waren lange ein gutes Team. Doch wie so viele Paare hatten wir auch schwierige Zeiten. Er war stark beruflich eingespannt, ich war oft allein mit den Kindern und habe vieles allein entschieden und allein getragen. Nach 17 Jahren Beziehung und mit 44 Jahren wurde mir klar: Wir sind beide nicht mehr glücklich. Die Trennung fühlte sich wie ein Befreiungsschlag an.

Und genau in dieser Phase begegnete mir mein neuer Partner – ungeplant, aber zur richtigen Zeit. Er hat mir gutgetan, war Halt und Nähe in einem Umbruch. Heute sage ich: Er war mein Trennungspartner. Auch wenn die Beziehung neun Jahre hielt, war sie ein Übergang – in etwas Neues, Tieferes: nämlich zu mir selbst.

Die ersten Jahre waren schön, aber irgendwann veränderte ich mich. Ich wusste nicht, was mit mir los war – Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwindel, Ohrgeräusche. Die Wechseljahre zeigten sich auf ihre ganz eigene Art – und wurden zur Belastung für uns beide. Meine Grenzen verschoben sich. Ich zog mich zurück, begann mich zu hinterfragen, suchte Hilfe – auch in der Klinik. Im letzten Jahr vor der Trennung wurde mir immer klarer, wer ich bin, was ich brauche – und was nicht mehr passt.

Ich war nicht mehr die Frau, in die er sich einst verliebt hatte. Und er konnte mit der Frau, die ich geworden bin, nicht mehr umgehen. Dann kam die Trennung. Sie ging von ihm aus und traf mich wie ein Schlag mit dem Holzhammer. Ich fiel in ein tiefes, dunkles Loch. Die Kinder waren inzwischen groß, teilweise schon ausgezogen. Die Angst vorm Alleinsein, vor der ungewissen Zukunft, war überwältigend. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so verloren und einsam gefühlt wie in dieser Zeit. Ich habe alles zugelassen: den Schmerz, die Tränen, die Leere. Ich habe mich zurückgezogen, tagelang geweint, wochenlang kaum das Haus verlassen.

Und doch – irgendwann, ganz langsam, kam wieder Licht. Freundinnen und Familie haben mich aufgefangen. Ihre Gespräche, ihr Dasein, ihr Mitfühlen waren wie Rettungsringe in stürmischer See. Damals wurde mir klar: Wahre Freundschaften sind unbezahlbar. Sie retten dich, wenn du dich selbst nicht mehr tragen kannst.

Und dann, als ich gar nicht mehr damit gerechnet hatte, kam da plötzlich jemand Neues in mein Leben. Ganz still, ganz unaufgeregt. Keine große Inszenierung, kein Feuerwerk.

Aber es fühlte sich sofort richtig an. Als würden sich Türen öffnen, die ich vorher nie bemerkt hatte. Und plötzlich war da Klarheit. Ruhe. Und ein Gefühl von: Hier darf ich einfach ich selbst sein.

„Ich war nicht mehr die Frau, in die er sich einst verliebt hatte. Und er konnte mit der Frau, die ich geworden bin, nicht mehr umgehen. Dann kam die Trennung.“

Kerstin, vielen auch bekannt unter ihrem Instagram-Namen @madame.pixie, habe ich über unsere Wechseljahres-Community kennengelernt. Auf ihrem inspirierenden Kanal teilt sie zahlreiche wertvolle Informationen rund um das Thema Menopause – und widmet sich mit besonderer Leidenschaft ihrem Lieblingsthema: graue Haare.

Wie haben sich die Wechseljahre auf deine Wahrnehmung von Beziehungen und auf deine eigenen Bedürfnisse in der Partnerschaft ausgewirkt? Gab es Veränderungen, die du vorher nicht erwartet hast?

Die Wechseljahre haben meine Sicht auf Beziehungen komplett verändert. Früher habe ich oft versucht, zu funktionieren – als Partnerin, Mutter, Frau. Wollte gefallen und Ich habe viel geschluckt, viel gehalten, viel alleine getragen. Meine eigenen Bedürfnisse? Die kamen oft ganz zum Schluss.

Doch mit Beginn der Wechseljahre hat sich etwas verschoben. Ich habe angefangen, mich selbst wieder zu spüren. Plötzlich war da diese leise Stimme in mir, die sagte: Was brauchst DU eigentlich? Was willst DU wirklich? Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen und nicht mehr aus Angst vor Konflikten zu schweigen. Ich habe verstanden, dass Nähe nur entstehen kann, wenn ich mich selbst nicht verliere. Und ich habe begriffen: Eine gute Partnerschaft nährt dich – sie zehrt dich nicht aus.

Was ich vorher nicht erwartet hätte? Dass ich mich selbst irgendwann wichtiger nehme als das Bild, das andere von mir haben.

Wie gehst du mit den körperlichen Veränderungen um, die während dieser Zeit auftreten, und wie beeinflussen sie deine Beziehung oder dein Date-Leben?

Es war ein Prozess, das zu begreifen. Für mich hat es eigentlich damit begonnen, dass ich meine grauen Haare nicht mehr gefärbt habe. Das war ein Wendepunkt. Nicht aus Protest, sondern weil ich einfach keine Lust mehr hatte, jemandem gefallen zu müssen. Und plötzlich war da ein neues Selbstbewusstsein.

Früher war mir wichtig, schön und möglichst jung auszusehen – heute ist mir wichtiger, dass ich mich wohlfühle. Mein Körper verändert sich, klar. An manchen Tagen kann ich gut damit leben, an anderen hadere ich. Ich merke: Ich muss mehr für mich tun, um mich in meinem Körper zu Hause zu fühlen. Und nein, ich liebe meine Falten nicht – aber sie gehören zu mir. Wegspritzen? Im Moment nicht. Ich will mich erkennen, auch wenn sich mein Gesicht verändert.

Was sich auch verändert hat: meine Energie, meine Lust, mein Umgang mit Nähe. Früher lief vieles einfach so. Heute braucht es mehr Achtsamkeit, mehr Raum.

Und ja – es gibt Dinge, über die man früher vielleicht nicht gesprochen hätte. Intimtrock­enheit zum Beispiel. Heute ist es mir wichtig, genau solche Themen offen mit meinem Partner anzusprechen. Weil Nähe und Sexualität nur dann erfüllend bleiben können, wenn wir ehrlich sind. Auch mit dem, was sich verändert.

 

War es eine Herausforderung für dich, in den Wechseljahren erneut Vertrauen in eine neue Beziehung zu fassen, besonders nach zwei Trennungen?

Vertrauen zu fassen war für mich schon immer eine Herausforderung – auch unabhängig von den Wechseljahren. Ich bin in früheren Beziehungen enttäuscht worden, und das hat Spuren hinterlassen. In dieser Lebensphase kam dann aber noch etwas dazu: Die Angst vor der Zukunft, die Frage, ob ich überhaupt noch jemanden finde, der mich so sieht, wie ich jetzt bin – mit grauen Haaren, einem veränderten Körper und all den neuen Seiten an mir. Auch die Angst vor dem Alleinsein war da.

Trotzdem habe ich mich darauf eingelassen, Schritt für Schritt. Ich bin heute in einer Beziehung, in der ich vieles offener ansprechen kann als früher. Themen wie Intimität, Hormonveränderungen oder Grenzen gehören dazu. Ich habe gelernt, dass Vertrauen Zeit braucht – und Ehrlichkeit. Vor allem mir selbst gegenüber.

 

„Die Angst vor der Zukunft, die Frage, ob ich überhaupt noch jemanden finde, der mich so sieht, wie ich jetzt bin – mit grauen Haaren, einem veränderten Körper und all den neuen Seiten an mir.“

Du bist gerade frisch verliebt – wie ist das passiert? Was hat sich in deinem Leben geändert, dass du wieder diese besondere Verbindung zu jemandem spüren kannst?

Das hätte ich selbst lange nicht für möglich gehalten. Nach meiner letzten Trennung war ich wirklich am Tiefpunkt. Emotional ausgelaugt, voller Zweifel und mit dem Gefühl, nicht mehr in meiner eigenen Haut zu Hause zu sein. Ich hatte eigentlich abgeschlossen mit dem Thema Liebe.

Aber dann ist etwas in mir leiser geworden. Ich habe aufgehört zu kämpfen – gegen mich, gegen den Zustand. Ich habe angefangen, weicher mit mir zu sein. Und genau in dieser Zeit, in der ich mich langsam wiedergefunden habe, ist diese neue Verbindung entstanden.

Das Magische daran: Es war niemand Neues. Es war jemand, der schon sehr lange in meinem Leben war. Jemand, den ich nie als potenziellen Partner gesehen hatte. Vielleicht, weil der Blick dafür damals noch nicht frei war. Es war fast, als hätte sich in mir ein Schalter umgelegt und plötzlich war da etwas zwischen uns, das schon immer da war, aber erst jetzt sichtbar wurde.

Was sich verändert hat? Ich. Ich war nicht mehr auf der Suche nach jemandem, der mich „ganz macht“, sondern offen für jemanden, der mich sieht, wie ich bin – mit all meinen Widersprüchen, meiner Geschichte, meinen Falten und meinem Humor.

Und genau das hat die Tür geöffnet für Nähe. Nicht die perfekte, sondern die echte. Und die fühlt sich gerade ziemlich gut an (wenn ich es selber so lese, bekomme ich Gänsehaut).

 

Glaubst du, dass die Wechseljahre dir geholfen haben, besser zu verstehen, was du in einer Beziehung wirklich brauchst?

Ja, das glaube ich schon. Die Wechseljahre haben mich gezwungen, langsamer zu werden – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Ich spüre meinen Körper heute viel bewusster. Ich nehme Veränderungen wahr, aber auch Bedürfnisse, die früher vielleicht untergegangen sind, weil immer irgendetwas wichtiger war.

Ich bin weicher geworden in dieser Zeit. Früher wollte ich oft stark sein, funktionieren, mich anpassen, vielleicht weil ich dachte dass es von mir so erwartet wurde… Heute lasse ich mich eher sein. Und gerade das hat mir geholfen, klarer zu erkennen, was ich in einer Beziehung brauche: Verständnis, Ruhe, echte Nähe – nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional.

Ich habe aufgehört, mich zu verbiegen, um geliebt zu werden. Stattdessen frage ich mich: Fühle ich mich gesehen? Fühle ich mich sicher? Kann ich ehrlich sein – auch mit all den Themen, die in dieser Lebensphase aufkommen?

Die Wechseljahre haben mich näher zu mir selbst gebracht. Und dadurch weiß ich heute auch besser, was ich mir von einem anderen Menschen wünsche.

„Früher wollte ich oft stark sein, funktionieren, mich anpassen, vielleicht weil ich dachte dass es von mir so erwartet wurde…“

Was würdest du Frauen raten, die sich nach einer Trennung in den Wechseljahren fragen, ob sie noch einmal die Chance haben, sich neu zu verlieben?

Ja, absolut! Aber es fängt bei dir selbst an. Nach einer Trennung, vor allem in den Wechseljahren, fühlt sich vieles erst mal beängstigend an. Du zweifelst an dir, an deinem Körper, an deiner Ausstrahlung. Du denkst vielleicht: Wer will mich denn jetzt noch ? Ich kenne diese Gedanken nur zu gut!

Aber die eigentliche Frage ist nicht: Werde ich noch einmal geliebt?
Sondern: Kann ich mich selbst wieder spüren – und mir erlauben, mich neu zu öffnen?

Die Wechseljahre sind keine Endstation. Sie sind eine Einladung, dich endlich ehrlich kennenzulernen – ohne Maske. Wenn du dich selbst annimmst mit allem, was gerade ist, dann wirst du auch wieder offen für Nähe. Vielleicht nicht sofort. Aber es ist möglich.

Und manchmal wartet die Liebe an einem Ort oder in einem Menschen, den du lange übersehen hast. So war es bei mir. Es ist nie zu spät – nur manchmal braucht es einen neuen Blick auf dich selbst, bevor du ihn auch für jemand anderen öffnen kannst.

 

„Die Wechseljahre sind keine Endstation. Sie sind eine Einladung, dich endlich ehrlich kennenzulernen – ohne Maske. Wenn du dich selbst annimmst mit allem, was gerade ist – dann wirst du auch wieder offen für Nähe.“

Weitere Infos zu Kerstin findest du hier auf Instagram: @madame.pixie